über das Portrait

Portrait Fotos ansehen

Grundsätzlich interessiert mich die Persönlichkeit des Menschen mehr als seine Oberfläche, obwohl ich die Kamera nur seine Oberfläche abspeichern kann. Als  Fotografin versuche ich dahinter zu sehen und vielleicht die eine oder andere Schattierung der Persönlichkeit abzulichten.
Beispiele finden sie in meinem letzten analogen Fotoauftrag 1999 auf Film, 52 AutorInnen für den Literaturhaus Kalender 2000
Ich bevorzuge natürliches Licht in Innenräumen, möglichst ohne Lampen, ohne Blitzlicht, gelegentlich mit einem Reflektor. Seit der Umstellung 2000 auf digitale Kameras, gelingen Fotos auch bei wenig Licht und mit wesentlich geringerem technischen Aufwand.

Meist ist es auch für die fotografierte Person angenehmer nicht angestrahlt zu werden. Die Routine eines Models sich ad hoc in grellem Licht zu inszenieren, muss einem liegen und will gelernt sein.

Ein fotografisches Portrait kann die Vielseitigkeit einer Person weniger gut abbilden wie ein gemaltes Portrait, wo der Pinsel viele Facetten des Ausdrucks und der Persönlichkeit vermischen kann, die sonst nur mittels einer Fotoserie sichtbar werden.
Vergleichbar ist das jedoch das Endprodukt;  das Portrait ist der Blick der Fotografin auf eine mehr oder weniger unbekannte Person. Ein Bild vom Bild.

Im Zeitalter des Selfies kann ich mir ein Bild meiner selbst knipsen, genau so wie ich mich mag und gesehen werden möchte. Streng gesagt, kann auch ein „gutes Portrait“ nur ein bisschen mehr über diesen Menschen aussagen als ein Passbild.
Und oft frage ich mich, ob denn ein Bild des Wohnraums eines Menschen mehr über ihn aussagen kann,  als sein in einer hundertstel  Sekunde isolierter Gesichtsausdruck.
Sollte denn das Portrait diesen hohen Anspruch erfüllen müssen.

Wenn ich fotografiere nehme ich mir viel Zeit um ein wenig in die Persönlichkeit zu tauchen. Dafür braucht es gegenseitiges Vertrauen. Einen aufmerksamen, langen Blick auf sich ruhen lassen, braucht Vertrauen.  Im Idealfall wird es ein entspanntes Zusammenspiel von Geben und Nehmen, wo ich im Zeitpunkt des Auslösens ein Ausdruck festhalten kann, in dem sich die fotografierte Person „wiedererkennt“.

Mittlerweile fotografiere ich keine Menschen mehr, die aussehen möchten wie ein Model oder Filmstar im Magazin. Das können andere FotografInnen viel besser. Ich mag den persönlichen Ausdruck, mich interessiert die persönliche Seite des Menschen.

Auch „photoshoppe“ ich nicht allglatt, sondern entferne nur vorübergehende Hautunreinheiten. Falten weichzeichne ich selten, jedenfalls nicht um die Person jünger zu retouchieren. Falten schreiben die  bewegte Lebensgeschichte ins Gesicht und auf den Körper. Insofern sind es gerade die Falten, die einen Einblick in die Person geben können – sollte man einen solchen sichtbar machen wollen.
Ich jedenfalls finde Falten ohnehin schön.

Wenn aber die Pose als Teil einer (Selbst)Inszenierung im Spiel der (Selbst)Darstellung eingesetzt wird, geht es in den Bereich der künstlerische Performance. Das ist spannend.
(siehe Judith Klemenc).