Bettlerin in Innsbruck

Betteln.Menschen.Rechte

Video Dokumentation, HDV, 21 Min., Innsbruck November 2015
Auftraggeberin:
  Initiative Minderheiten Tirol
Gefördert von stadt_potenziale 2015 sowie durch das Land Tirol im Rahmen von TKI open.

Der Film „Betteln. Menschen. Rechte“ der Initiative Minderheiten Tirol, gibt einen Einblick in Lebensbedingungen, Sichtweisen und Perspektiven bettelnder Menschen – ein Film, der jenen Menschen eine Stimme gibt, die selten gehört werden und so gut wie nie in der politisch-medialen Öffentlichkeit zu Wort kommen.

betteln.menschen.rechte

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Bei Interesse an Filmvorführungen mit Diskussion in Schulklassen, Jugendzentren, et. kontaktieren sie bitte Initiative Minderheiten Tirol.

 
Originalton mit Untertitel, 21 Min.

Originalton mit Voice Over, 21 Min.

 

Projekt-Team

Regie, Konzept: Monika K. Zanolin unter Mitarbeit von Sonja Prieth
Projektleitung: Lisa Gensluckner
InterviewpartnerInnen:
aus Deutschland, Österreich, Rumänien, Slowakei, Ungarn:
Attila, Claudia, Eva, Maria, Mario und Michael
Klaus Christler, Vinzenzgemeinschaften Österreich
Beate Eder-Jordan, Wissenschafterin
Bernhard Rathmayr, Wissenschafter
Kamera und Schnitt: Monika K. Zanolin
Interviewführung: Elisabeth Hussl, Ricarda Kössl, Gudrun Pechtl, Julia Rhomberg
Text: Sonja Prieth
Redaktion: Lisa Gensluckner, Elisabeth Hussl, Ricarda Kössl
Sprecherin: Sonja Prieth
Voice Over (Version ohne Untertitel): Christina Hollomey-Gasser, Michael Neuhauser
Komposition und Klavier: Julia Rhomberg
Gedichte: Barbara Hundegger
Tonmischung: Michael Mangweth
DCP Kopie: Soliban Zingl
Übersetzung: Ágnes Czingulszki, Cristinel Bogdanel Dumitriu, Anetta Radics, Julia Rhomberg, Andrea Tasnadi-Asztalos, Marta Agardi

Spezieller Dank

… für die schauspielerischen Stimmen-Spenden: Markus Koschuh, Birgit Melcher, Harald Windisch
… für die Kooperation: Bettellobby Tirol, Verein für Obdachlose: Streetwork, Teestube und Kleiderausgabestelle, Vinzi-Bus der Vinzenzgemeinschaften
… für das Banner „alles für alle“: Petra Gerschner
… für die musikalische Belebung der Stadt: StraßenmusikerInnen, Stadtmusikkapelle Landeck, STB DIXIE TRAIN MARCHING BAND, Markthalle (Schuhplattler)

 

Frauen im Brennpunkt

Dokumentation – HDV, 5 Minuten, Innsbruck, 2013
Auftraggeberin: Verein Frauen im Brennpunkt (FIB), Innsbruck

Der Kurzfilm beschreibt den Verein und seine Arbeitsschwerpunkte wie die Schaffung von qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungsplätzen bei Tagesmüttern und in Kinderkrippen, die qualifizierte Ausbildung und Beschäftigung von Frauen als Tagesmütter, die Beratung von Frauen speziell zu den Themen Wiedereinstieg, Kinderbetreuung und Arbeitssuche und die Sensibilisierung für frauenspezifische Anliegen in der Öffentlichkeit.

Konzept: Itta Tenschert
Konzeptberatung, Gestaltung, Kamera, Schnitt, Ton, Untertite
l: M.K. Zanolin
Sprecherin: Alexandra Luthwig
Musik: Guy & Elisabeth Skornik „Human Resourches“, Amestoy Trio le fil „Espina“


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weil eine Trommel geigt nicht

 Video Dokumentation, DV 4:3 , 70 Minuten,  Innsbruck 2003
Auftraggeber: Verein Tafie, Tiroler Arbeitskreis für integrative Entwicklung.
„Weil eine Trommel geigt nicht”,  ist ein integratives Projekt
von und mit Menschen mit mehr oder weniger Behinderungen.

 


Arbeitsweise . Filmtechnik . Filmteam . KurzbiographienArtikel von Petra Nachbaur

weil eine Trommel geigt nicht
Dokumentation ansehen, 70 Min.


Arbeitsweise

Projekt ungehindert behindert

Für die Studie “Ich sehe mich nicht als behindert” erarbeitete Lisa Gensluckner, Leiterin des Tafie Projekts „Freiraum“, einen Fragenkatalog für Interviews mit einer kleine Gruppe Menschen mit der Diagnose einer geistigen Behinderung.  Auch die Interviewtechnik wurde innerhalb dieser Projektarbeit mit Lisa Gensluckner eingeübt.universität innsbruck,
Die Studie „Ich sehe mich  nicht als behindert“ wurde im Dezember 2003 mit dem Eduard-Wallnöfer-Preis, “für die mutigste Initiative von TirolerInnen zum Wohle unseres Landes”, ausgezeichnet.
Diese Studie war grundlegend für das Filmkonzept und ein wesentlicher Teil davon wurde auch inhaltlich übernommen .

Besonders spannend und aber auch herausfordernd für mich als Filmemacherin war, dass weder das Filmteam noch die Crew  Erfahrung mit der Produktion einer  Video-Dokumentation hatte.
Zusätzlich mussten wir sehr ökonomisch mit dem verhältnismässig kleinen Budget umgehen. Aus diesem Grund, besonders aber auch weil möglichst geringe technischen Hürden die Arbeit des Teams behindern sollte, entschied ich mich für ein sehr einfaches Film- Equipment.

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Filmtechnik

Wir drehten von Hand mit zwei kleinen Mini DV Amateurkameras mit externen Mikrophonen, gelegentlich mit Stativ.
Ein paar einfache Bauscheinwerfer verwendeten wir im „Studio“ und bei einzelnen indoor Interviews, ansonsten drehten wir mit dem vorhandene Licht.

Die herausfordernde Aufgabe  Menschen „mit geistiger Behinderung“ in den Produktionsprozess einzubinden, erwies sich als freudvoll und überraschend ergiebig.
Wir ließen überwiegend  junge aber auch ältere Frauen und Männer weitestgehend selbständig filmen, interviewen, interviewed werden, Texte sprechen, Stative und Lampen aufstellen. Es gab noch viele andere anspruchsvolle Aufgaben. Nachlesen unter Team.

Dies ermöglichte aktive und weitestgehend selbständige Mitarbeit der behinderten Frauen und Männer.

Daniela Pittl und Alexandra Wagner filmten am öftesten, denn sie hatten schon Erfahrung bei meinen Videokursen in kunst&drüber  gesammelt. Die anderen „Kameraleute“ lernten vor Ort mit der Kamera und dem Mikro umzugehen.

Trotz unseres minimal technischen Aufwandes und unser stets flexibles, improvisierendes Anpassen an die Erfordernisse der Lokalität und Menschen, entstand genügend verwendbares Material um diese Dokumentation zu verwirklichen.

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Konzept
Lisa Gensluckner, Monika K. Zanolin

Regie/Schnitt/Kamera/Ton/Organisation
Monika K. Zanolin

Buch/Textbearbeitung
Barbara Hundegger

Fuer den Inhalt verantwortlich
Ulli Schindl-Helldrich, Lisa Gensluckner, Angela Zwettler, Reinhard Hug, Thomas Lipschütz

Regieassistenz bei den “Studioaufnahmen”
Gerti Eder, Lisa Gensluckner, Reinhard Hug, Judith Walder

SprecherInnen
Daniela Pittl, Reinhard Köbler, Christian Niedermayer, Kathrin Pfretschner

ProtagonistInnen
Daniela Pittl, Reinhard Köbler, Christian Niedermayer, Kathrin Pfretschner

Stimme
Reinhard Köbler

Kamera
Daniela Pittl, Alexandra Wagner, Christian Niedermayer, Jochen Sieberer, Monika K. Zanolin

Mikrophon
Lisa Gensluckner, Judith Walder, Monika K. Zanolin

Logging Assistenz
Daniela Pittl, Alexandra Wagner

Malerei
Angelika Mauracher Katharina, Daniela Pittl, Hermine Steinlechner, Alexandra Wagner

Musikauswahl
Filiz Cay, Reinhard Köbler, Christian Niedermayer, Tina Schindl

Filmmusik
Christine Abdel-Halim, Gabi Plattner (Komposition & Interpretation), Jenny Auer (Aufnahme & Ton-Mix)

Organisation
Lisa Gensluckner, Daniela Pittl, Ulli Schindl-Helldrich, Ingrid Wisiol, Reinhard Hug, Monika K. Zanolin

Texte
Reinhard Köbler, Christian Niedermayer, Daniela Pittl, Kathrin Pfretschner im Rahmen des „Studienprojekts“ unter der Leitung von Lisa Gensluckner

Interviewauswahl
Lisa Gensluckner, Reinhard Hug, Thomas Lipschütz, Ulli Schindl-Helldrich, Ingrid Wisiol, Angela Zwettler

Untertitel (2014)
Ingrid Mair (Wisiol)

Produktionsassistenz
Ulli Schindl-Helldrich, Lisa Gensluckner

Produktionsleitung
Reinhard Hug

Produzent
Verein Tafie Innsbruck-Land

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Lisa Gensluckner, Politikwissenschafterin, derzeit Mitarbeiterin im Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft – AEP sowie an der Universität Innsbruck (Forschungsprojekt: “Political Literacy in der Schule der Migrationsgesellschaft“). Jahrelang Leitung des Projektes „FreiRaum. Beratung zu mehr Selbständigkeit“ (Verein TAfIE-Innsbruck-Land) und beteiligt an der Studie „Ich sehe mich NICHT als behindert! Studie über die Lebensbedingungen von Menschen mit besonderen Fähigkeiten in Tirol“ sowie beim Film „Weil eine Trommel geigt nicht…“.

Monika K. Zanolin, geb. in Innsbruck, Fotografin und Filmemacherin, Studium 1980 Film an der LIFS, The London International Film School, heute The London Filmschool.
Bis 1980 Tourismus Werbung, Industrie Fotografie, Reportagen und Portraits.
Seit 1991 freischaffendende Fotografin und Dokumentarfilmerin in Innsbruck,  Kurzfilme für Kunst, Literatur und Unterricht.

Barbara Hundegger, geb. in Hall in Tirol; mehrere Jahre Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Innsbruck und Wien; lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Daniela Pittl, geb. 1979 und Alexandra Wagner, geb. 1981, sind in Ausbildung zu Künstlerinnen in der Ateliergemeinschaft Kunst+Drüber. Daniela Pittl ist auch Mitautorin der Studie „Ich sehe mich nicht als behindert!“

Reinhard Köbler, geb. 1983 – 2015, war Mitautor der Studie „Ich sehe mich nicht als behindert!“ und arbeitete bei „Wibs – Wir beraten, informieren und bestimmen selbst!“

Christian Niedermayer, geb. 1982, ist Mitautor der Studie „Ich sehe mich nicht als behindert!“ und derzeit im Projekt Boat sowie auf Arbeitssuche.

Kathrin Pfretschner, 1978 – 2004, war Mitautorin der Studie „Ich sehe mich nicht als behindert!“ und Mitarbeiterin im Projekt FreiRaum.

© 2003 – 2020 Verein Tiroler Arbeitskreis für integrative Entwicklung & Andere (monika k. zanolin).

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weil eine trommel geigt nicht..
In Sofia Coppolas „Lost in Translation“ sehen und hören wir Charlotte, Mittzwanzigerin mit Philosophieabschluss und Sinnkrise, in einer Karaoke-Bar in Tokyo einen „Pretenders“-Song intonieren: „I’m special so special“, kann die junge Frau nur angeschickert von sich behaupten, ein Filmweilchen später klagt sie ihrem Gegenüber: „Ich bin nur Durchschnitt“, darauf er: „Das merkt doch niemand.“

Special sind die Menschen in Monika K. Zanolins speziellem Film vom ersten bis zum letzten Moment – ihres Lebens, aber auch der siebzig Minuten „Weil eine Trommel geigt nicht“ (Innsbruck / Wattens 2003). Die Dokumentation ist eine variierende Umsetzung der Studie „Ich sehe mich nicht als behindert“, die Mittel des Films reichen weit darüber hinaus, was die ausgezeichnete Studie präsentiert: anschaulicher und sinnlicher wird die Thematik des Lebens von Menschen mit besonderen Fähigkeiten erfahrbar, auch für Menschen mit nicht grad besonderen Kenntnissen oder Vorstellungsvermögen, denen das „Leben mit Behinderung“ zuweilen so fern und fremd erscheint wie japanische Kultur. Eigene Ignoranz, Wahrnehmungssperren, Barrieren werden in Zanolins Dokumentation immer wieder, völlig ohne Vorwurf und unspektakulär, vor Augen geführt, etwa wenn eine der vier ProtagonistInnen – alle wie Coppolas Heldin in den Zwanzigern – zu Beginn des Films methodisch erläutert: „Wir haben Menschen interviewt, die sprechen können.“

Das Viererteam – zwei Frauen, zwei Männer – gestaltet anhand von Gesprächen mit verschiedenen PartnerInnen – KollegInnen, FreundInnen, Fachleuten, FunktionärInnen – Einblicke in jene Lebensbereiche, die für uns alle prägend, entscheidend, lebensbestimmend sind. Und arbeitet dabei Unterschiede heraus, und Unterschiede zu den Unterschieden. Von der Familie – Tenor ist, dass die Väter „auslassen“, während weibliche Familienmitglieder in ihrer Fürsorge oft zum Überschützen neigen – über Schule und Ausbildung – prägnant, wenn auch in der Relation etwas umfangreich die Ausführungen von Volker Schönwiese zur Debatte Sonderschule / Integrationsklassen und vor allem zur Ausbeutung in Beschäftigungstherapie-(Nicht)arbeitsverhältnissen – über Arbeit – Frust und Stolz („… do bin i a Profi wordn“) kommen da zum Ausdruck – bis zu Wohnen, Freizeit und dem weiten Feld Beziehungen reicht das Themenspektrum. Schauplätze des Films sind Innsbruck und die Bundeshauptstadt, wo eine schöne Einstellung vor dem Parlament hinter der Befragten in Splittern – „frei“ „gleich“, „geboren“ – die Inschrift Artikel 1 der Erklärung der Menschenrechte aufblitzen lässt.

Drei gesprochene Textstränge verflechten erzählendes Interviewmaterial, parolenhafte Positionen, poetische Passagen. Schrift begegnet als eingeblendete nüchterne Information (Rechtslage in Theorie und Praxis, statistische Erhebungen), aber auch als fröhliche, freche Slogans auf Demo-Transparenten oder auf Shirts, die ein Mann und eine Frau zum Trocknen aufhängen („bin v.i.p. und hip“, „Keine blöde Anmache!“, „bestimme selbst“, „keine Aussonderung“). Knapp gehalten sind die transkribierten Interviewpassagen.

Die Gespräche geben Auskunft über die Existenz „Lapperte“ Geschimpfter: von „ausg’spottet“ werden und „nachmachn“ bis „herschlagn“ reicht die schmerzhafte Palette kindlicher und jugendlicher Erfahrung. Die, die so oft darunter leiden, nicht „voll“, nicht als Erwachsene behandelt zu werden, beurteilen gehässigen Umgang im Nachhinein gelassen, betrachten jene, die im Alltag diskriminieren, als „selber no Kinder, egal, wie alt man ist“. Dennoch finden auch Enttäuschung und Wut über „Sauerei“ und „ungerechte, gemeine Sachen“ ihren Ausdruck.

Die Interviewführung des Teams ist vorbildlich, zeichnet sich aus durch viel Nicken, Ermuntern, positive Resonanz – und liebevollen Umgang mit dem nur im Strafprozess verpönten Phänomen Suggestivfrage: Die BefragerInnen eines Mitglieds der „Malgruppe“, das sogleich verkündet, „für mein ganzes Leben“ in der Gruppe bleiben zu wollen und keine anderen Pläne oder Vorstellungen zu haben, lassen nicht locker, bleiben dran, ermutigen: „Aber wenn du jetzt ganz ganz viel Unterstützung hättest …“, bis die Interviewte hell, klar und bestimmt weiß: „Kellnerin!“ möchte sie werden.

Nur vorerst irritierend tauchen in den Fragen Ausdrücke wie „Diskriminierungserfahrungen“, „Integrationsklasse“, „Berufsorientierung“ auf. Das authentische auch verbale Agieren als „Expertinnen und Experten“ gibt eine Ahnung von Qualität und Kompetenz des von Lisa Gensluckner geleiteten Studienprojekts, in dem sich die vier Menschen befunden haben, vor allem aber von ihrem eigenen Potential: Auch in sensibler und professioneller sprachlicher Geschlechtergerechtigkeit ist das Team imponierend.

Wenn sich die Vier in den frontal vorgebrachten Ansinnen das Wort nehmen, wird ihr ExpertInnentum besonders deutlich. Völlig klar wird formuliert, was Sache ist, was ansteht, was verlangt wird und wogegen anzukämpfen bleibt. Kathrin Pfretschner tough, rechte Hand in die Hüfte gestemmt, Christian Niedermayer mit geradezu pädagogischem Drive, Daniela Pittl reif und sicher, Reinhard Köbler genial in der Artikulation: seine „P-s-ychiatrie“ verrät sich als bloßes Wort selbst; in seiner absolut artifiziellen Art, das Wort „normál“ auszusprechen, offenbart sich die gesamte Fragwürdigkeit der Kategorie. Die ProtagonistInnen treten an mit Positionen und Forderungen, ernst und selbstbewusst, beeindruckend als Individuen, voll Nachdruck, Verve und Engagement als InteressensvertreterInnen, wie viele Gruppierungen sie sich nur wünschen könnten.

Sparsam eingesetzt sind die vom faszinierenden Sprecher Reinhard Köbler aus dem Off vorgebrachten Passagen: Für diese hat die Lyrikerin Barbara Hundegger Denkanstöße und Formulierungen der ProtagonistInnen verdichtet und zu bizarrer Poesie geschmiedet. Aus einer gereimten Litanei diverser „Begründungen“, die mit Logik operieren und sie ad absurdum führen, stammt der Titel der Doku: „[…] Weil ein Lärm schweigt nicht / und eine Trommel geigt nicht.“ Gegen Ende des Films prasselt eine Aufzählung „spinnerter“ Rechte nieder („Recht auf halbe Köpfe“), eine rasant vorgetragene Suade, die in der unterlegten visuellen Dynamik der Innsbrucker „People First“-Demonstration gar zu schnell vorüber ist. Wenn es darin einprägsam heißt, „Wir rücken euch eure Rechte zurecht“, ist damit viel gesagt von Definitionsmacht, Politik und auch von mutig zurückgewiesener Gewalt.

Das Impressum legt Zeugnis davon ab, dass und wie „Weil eine Trommel geigt nicht …“, ähnlich wie zuvor die gedruckte Studie, ProtagonistInnen einbindet: nicht nur in der Entwicklung und Durchführung der Gespräche sowie im Texten, auch an Kamera, Organisation und Tonassistenz ist das Viererteam beteiligt.

Der Film wird im Tempo bis auf kurze Ausnahmen dem seiner ProtagonistInnen gerecht, die von sich selbst wissen – und, nicht im geringsten mitleidheischend, dazu stehen –, dass sie „langsamer“ sind, „länger brauchen“ für vieles. Ruhige Bilder, moderate Einstellungen verweilen, geben Raum, begleiten, leiten die BetrachterIn an zum allmählichen Sich-Einlassen. Kein Platz ist für den voyeuristischen Zoom und keiner für verführerische Michael Moore’sche Auflaufenlasser und Bloßsteller: Die Lebensumwelt, PassantInnen im öffentlichen Raum sind verhalten hilfsbereit, verlegen freundlich, gelegentlich geradezu penetrant unauffällig: Ob diese gar so betonte Diskretion an der Anwesenheit eines Filmteams oder dem gängigen Wegschauen, weil nicht umgehen Können/Wollen liegt, überlässt Zanolin der BetrachterIn.

Eintönig gräuliche Farben von Straßen, Wohnanlagen, Klassenzimmern kontrastiert die Regisseurin mit dem Bunt der Ateliergemeinschaft „Kunst & Drüber“, künstlerischer und kunsthandwerklicher Praxis – und einer farbigen Vielfalt von Klang. Was an der Filmmusik – nach dem programmatischen Agit-Folksong „We’re people first“ als Intro, den von Christine Abdel-Halim und Gabi Plattner komponierten und interpretierten Vokalisen und dem klassischen Abschluss „Respect“ – verschroben, manchmal witzig, manchmal befremdlich, wirkt, löst sich im Abspann auf: Flotte Blasmusik, türkischer Pop, Hansi Hinterseer und Jon Bon Jovi sind Auswahl von Interviewten und ProtagonistInnen.

Kathrin Pfretschner, die mit der coolen Mimik und der in die Hüfte gestemmten Rechten, hat bei der Musik nichts mitausgesucht. Gern wüsste ich, welches Lied, was für eine Musikrichtung sie genommen hätte, wenn doch. Vieles würd’ ich ihr zutrauen, zwischen 4 Non Blondes’ „What’s up“ und „When I grow up“ von Michelle Shocked. Zwei Monate nach der Premiere von „Weil eine Trommel geigt nicht“ ist Kathrin Pfretschner gestorben. „Durchschnitt“ war sie nie, und das merkt dank Monika K. Zanolins Film nicht niemand – das merken sich auch jene, die sie nicht gekannt haben.

Petra Nachbaur

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Niki-Rebecca Papageorgiou, The Great Anteater

Niki

Niki-Rebecca Papageorgiou 1948-2000, Poetess

1989, Athen, Video-Dokumentation
Video 8, VHS 4:3, 18 Min, Griechisch, Englisch.
„NIKI“ Besuch bei der Lyrikerin Niki Rebecca Papageorgiou.

quick links
Bemerkung zum Video
Gedichte
mail von Publisher Stavros Petsopoulos 2017

A Visit to Niki’s House in the area of Gizi, Athens, 6th June 1989

 

Kurzbiographie verfasst von Nana Papageorgiou


Niki-Rebecca Papageorgiou 1948-2000, Poetess
Niki studied at the History-Archaeology department of the University of Athens, graduating in 1970.
Having applied to be appointed as a state school teacher in Secondary Education, she, in the meantime, opened an antique shop in Athens, trading small objects.
Between 1972-1986 she wrote the poems of her first collection “Little Proses”, and, after that time she wrote the poems “The Great Anteater”, both published in 1993 by the reputable publishing house Agra Publications.
In 1980, she was diagnosed with bipolar disorder. She continued living withdrawn in her house until 1991 when she moved to her mother’s, maintaining very few contacts, and, most probably, not writing any longer.
On 1st of May 2000 Niki’s so far third attempt of suicide led to her death.


Dreißig Jahre nach meinem Besuch bei Niki und neunzehn Jahre nach Nikis Tod entschloß ich mich, dieses uralte Video zu veröffentlichen. 1989 wollte die Familie aus begreiflichen Gründen keiner Art von Veröffentlichung des Videos zustimmen. Die heftigen medikamentösen Therapien der damaligen Zeit konnten ihre bipolare Störung nicht verbessern, manche behaupteten, sie hätten sie Abseits der Schübe erst recht krank gemacht.
Zum Anlass der Neuauflage ihrer Gedichte durch Agra Publications 2017 digitalisierte ich das geschnittene .avi Master-Band und ergänzte es mit einem Text. Zwar reicht die Bildqualität bei weitem nicht an heutige Standards heran, aber dieser leicht verschwommene Einblick in Nikis Leben erscheint mir durchaus stimmig

Als ich 1989 in Athen lebte, traf ich Niki häufig in Begleitung ihrer Mutter Thémis und ihrer Schwestern Nana und Mania in einer Taverne in Nea Smirni. Auch wenn ich damals fast kein Griechisch beherrschte, fühlte ich mich durch eine Art metaphysisches Verstehen mit ihr verbunden. Zu jener Zeit hatte ihre psychische Krankheit noch nicht den Punkt erreicht, an dem die schwere Depression sie verstummen ließ und sie in die Dunkelheit ihrer Wohnung trieb.
Ich war sehr erfreut, als Niki mir nach langem Zögern überraschend doch gestattete, sie mit der Videokamera in ihrer legendären Wohnung aufzusuchen.

Mit einem einfachen Halogenstrahler, einem Stativ und der inzwischen uralten Sony Video8-Kamera – ein großzügiges und damals hochmodernes Geschenk meiner Freundin und Studienkollegin von der London Film School, Fiona Cunningham Reid – tauchte ich in Nikis traumhafte Bunkerwelt-Wohnung ein. Sie war bis zur Decke angefüllt mit Kostbarkeiten aus ihrem ehemaligen Antiquitätengeschäft, die sie im Vorbeigehen immer wieder zärtlich berührte und liebevoll neu arrangierte. Ganz so wie die Worte und Wortbilder in ihrer Dichtung, dachte ich still.

Mein Drehkonzept beschränkte sich darauf, situativ einzufangen, was sie bereit war von sich preiszugeben – sei es über ihr Schreiben, ihre Kunst oder ihr Denken.

Niki schenkte mir viel und ließ mich an vielem teilhaben. Sie zeigte mir die Kostbarkeiten ihrer Wohnung, sang griechische Lieder, trug ihre Gedichte vor und setzte sich sogar ans Klavier. Sie kochte mir einen köstlichen griechischen Kaffee, und gemeinsam lachten wir oft, auch über die Herausforderung, im grellen Licht ad hoc zu performen.“
Ich danke ihr.

„Ihre Gedichte wurden 2017 wieder ins Licht gerückt und von Agra Publications in neuer Auflage herausgebracht.

 

Dagmar Gmachl übernahm freundlicherweise die Übersetzung der Gedichte, die Niki Rebecca Papageorgiou im Video vorlas.

Gedichte in der Reihenfolge, in der Niki sie im Video vortrug.

01 und 03

Es gibt dunkle Menschen, die deinen Namen für immer
von deinem Türschild verschwinden lassen können,
sodaß deine Freunde kommen und nicht wissen, wie du zu finden bist.
Es gibt dunkle Menschen, die am Ende nicht nur deinen Namen,
sondern auch dich selbst verschwinden lassen können.
Sie können dich nach Tibet schicken,
dort wo der Mensch seit jeher schon Nomade ist,
oder ins tiefste Afrika,
zu den unbekannten Insekten und fleischfressenden Blumen.
Deshalb sage ich: Komm in mein Haus,
wo schon seit meiner Kindheit endlose Listen falscher Namen
an der Tür stehn
und wo ich so lange im Schatten gelebt habe,
daß mir keine Zauberei mehr etwas anhaben kann.
Lass uns exotische Lampen anzünden,
hinter bunten Glasperlenfäden in ihrem Schein uns verlieren,
auf daß uns niemals jemand finde.
In diesem Licht, in dem nur dir allein
ich jemals meinen Namen nannte.

 

02

Für dich hab‘ ich den Laden,
meine Liebe, aufgemacht,
in diese Gegend, wo du lebst,
die schönste Ware hingebracht:
Die Muskatnüsse singen,
der Pfeffer weint, der Zucker lacht,
Zimt und Nelken bringen
dir ihre Ständchen in der Nacht.
Doch du verschmähst den Zucker,
den Pfeffer lässt du stehn,
kaufst ein in andren Läden,
die Lieder lässt du gehn.
Muskatnüsse, Zimt und Nelken
sind dir ganz einerlei,
verbrauchst sie ohne nachzudenken
für deine Bäckerei.
Und mir hat – bittersüß – ein Pfeil
für immer durch das Herz gestochen.
Kein Zauber, der die Wunde heilt,
der Traum, der ist zerbrochen.

 

04

Ich wohne in deiner Nähe und bin Tänzerin –
ernähre mich von Beeren, um schlank zu bleiben.
Sicher wirst du ihn gesehen haben, meinen Maulbeerbaum,
der so hoch ist
und auf den ich nachts klettre, um die Sterne zu betrachten.
Denn ich nähre eine kindliche Leidenschaft für die Sternenkunde;
Ich weiß so viel darüber, dass es den Astronomen die Sprache verschlägt,
wenn sie mich über Lichtjahre sprechen hören, …
nach der Vorstellung, sobald die Lichter ausgehn im Theater.
Die Sterne jedoch, die vom Himmel verschwunden sind,
die hab‘ ich gesammelt, in einem Zauberkästchen,
das ich den Astronomen vorenthalte,
das ich für dich bewahre,
weil du Tänzerin bist, wie ich.
Du wirst in mein Haus kommen und wir werden Beeren essen,
und zarte Hände werden für immer sich im Tüll verweben.
Du wirst kommen, um mir deinen dunklen Tanz zu tanzen,
und die Sterne im offenen Kästchen werden für dich leben.

05

Und ich dachte, wir könnten uns im Sturm verlieren,
ich träumte von Flüssen und Wäldern … mit dir.
Aber du hast ja noch nicht einmal reden gelernt.
Du weißt nicht, was „niemals für immer“ heißt,
und sicher hat es nicht sein sollen,
dass du von mir das lernst;
Irgendwo, irgendwann, wird es irgendjemand anderen geben.
Eines Tages wirst du mich suchen und nicht finden –
ich werde in einen tiefen artesischen Brunnen gefallen sein,
in den ich natürlich auch ohne dich gefallen wäre,
aber du wirst – und weißt es –
der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Ein zarter, klarer, blauer Tropfen
von jenem sanften Regen, der niemals fallen wollte,
und den zu spüren, und sei es nur für einen Augenblick,
ich so sehr hoffte ..
Wo ich doch weiß von all dem unendlichen Regen,
der für immer im Himmel zurückgehalten wird.
Du wirst natürlich sagen, dass ich dich erpresse,
doch – keine Angst! – ich kehre in mich selbst zurück.
Du kannst mich dann betrachten wie ein Stück Natur
und weiter sorglos umgehen wie all die andern.
Denn, was Freunde betrifft, mein Lieber, kann ein Lied ich dir
Die reinsten Engel waren sie alle!

 


Stavros Petsopoulos, Publisher of Niki’s books, Agra Publications.

01.12.2017, 15:54

Dear Monika Zanolin,

We want to thank you for your wonderful (and almost dramatically unbearable in some parts) film-portrait of Niki in her house with all of her belongings. Nana informed me about all the hard work you did the last days, in order to prepare it on time for the homage to Niki.

During the last years, a new generation of young poets have passionately discovered her poems and this led to the organization of this evening at a wonderful bookshop below the Acropolis called “Little Tree”.

There were talks by Nana, by Niki’s friend Peggy Stergiou, by her translator in French who flew to Athens from Paris just for the occasion, and by me, as her publisher. Then, five poets talked about Niki and did wonderful readings, each one using a very personal approach to the poems.

We left your film for the end of the evening. We had not announced it until that moment. It was a great gift for everyone in the audience – a very touching and emotionally disturbing gift, but a gift nonetheless. Thank you, on behalf of all of us who took part in the event, for this.

Please inform us if you intend to organize other screenings of the film. Many people were asking if it will be made available online. From our part, we keep it strictly in our files, until we receive your instructions. If we organize another event for Niki in Thessaloniki, we will then ask you for a new permission for the screening.

Thank you once again for this. We are grateful to you.

With best wishes,

Stavros Petsopoulos